Ohne Audi ist Volkswagen nicht mal die Hälfte wert
Eins ist wohl klar: dem griechischen Philosophen Aristoteles waren betriebswirtschaftliche Zusammenhänge noch nicht vollständig geläufig. Sonst hätte er seine Aussagen, dass „das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile“ zumindest relativiert. Schließlich gibt es in der Wirtschaftsgeschichte der letzten Jahre und Jahrzehnte genügend Beispiele dafür, dass ein Konzern als Ganzes durchaus weniger wert sein kann, als die Summe seiner verschiedenen Geschäftsbereiche. Nötig ist nur jemand, der es wagt, die entsprechenden Teile aus dem Ganzen herauszulösen und gewinnbringend zu verkaufen.
Ein weiterer Gegenbeweis der Aristotelischen These könnte Volkswagen werden. 99 Prozent hält der Wolfsburger Autokonzern an seiner Ingolstädter Premium-Tochter Audi. Ganz im Gegensatz zu VW gehört Audi zu den erfolgreichsten europäischen Autobauern. Ohne die Gewinnzahlen aus Ingolstadt hätte der Gesamtkonzern für das Geschäftsjahr 2005 kaum positive Zahlen melden können. Die Börse sieht das genau so. Der Aktienkurs des Premium-Anbieters hat sich seit 2001 fast versiebenfacht und allein seit vergangenem September um rund 40 Prozent erhöht. Die Volkswagen-Papiere können da trotz einer deutlichen Kurserholung in den letzten Wochen bei weitem nicht mithalten. Kein Wunder, dass eine Investmentbank vor einem Jahr zu der Erkenntnis kam, dass der Audi-Anteil am Gesamtwert des Volkswagenkonzerns rund 80 Prozent beträgt.
Bisher hat VW die restlichen Aktien der extrem werthaltigen Tochter noch nicht von der Börse genommen. Das hat wohl zum einen mit den Kosten dafür zu tun und zum anderen damit, dass Audi die jährliche Hauptversammlung nach dem Motto „Tue gutes und rede darüber“ zu Marketing-Zwecken nutzt. Angesichts des Rekordniveaus der Audi-Aktien und der Lage des VW-Konzerns wird die Börsenplatzierung einer großen Tranche für VW immer attraktiver. Die Bewertung der Summer der Teile wäre sicherlich deutlich höher als jene des Konzerns insgesamt. VW könnte damit Milliarden erlösen – und am Widerstand von Audi würde ein solches Vorhaben wohl kaum scheitern.
Ulrich Hocker

