Börsengänge braucht das Land

Eins kann uns Deutschen nun wirklich niemand vorwerfen: Dass wir nicht gründlich sind. So haben wir den Markt für Börsengänge hierzulande fast komplett zum Erliegen gebracht. Gerade eine Handvoll Unternehmen schafften in den letzten drei Jahren erfolgreich den Weg aufs Parkett – obwohl Deutschland zu Zeiten des Neuen Marktes noch die unbestrittene Nummer eins in Europa war, wenn es um Emissionen ging.

Für den chronisch an Eigenkapitalmangel leidenden deutschen Mittelstand ist diese Entwicklung ein echtes Problem. Schließlich fällt damit eine Möglichkeit der Kapitalbeschaffung nahezu vollständig aus. Dass es auch anders geht, zeigen einmal mehr die Engländer. Der Londoner Wachstumsmarkt AIM (Alternative Investment Market) meldete allein in den ersten drei Quartalen des laufenden Jahres 129 erfolgreiche Börsengänge.

Stellt sich die Frage, woran es liegt, dass eine solche Plattform in Deutschland offensichtlich nur sehr schwer zu installieren ist. Sicher sind die Mittelständler selber nicht ganz schuldlos. Das Bedürfnis, Herr im eigenen Hause zu bleiben, ist wohl kaum irgendwo so ausgeprägt wie hierzulande. Entsprechend wenig begeistert sind die Unternehmer von der Vorstellung, Aktionären Rede und Antwort stehen zu müssen. Hinzu kommt, dass die Bereitschaft deutscher Anleger, ihr Geld in Unternehmen mit ungewissen Zukunftsaussichten zu investieren, nach wie vor unter den schlechten Erfahrungen des Neuen Marktes leidet.

Staatliche Unterstützung könnte hier Wunder wirken. Auch der britische Erfolg wäre ohne die massive steuerliche Subventionierung des Marktes für Wagniskapital nicht denkbar. Das beginnt bei den enormen Steuervorteilen, die so genannte „Business Angels“ genießen, und reicht bis zu Einkommensteuerprivilegien der Investmentmanager von Beteiligungsgesellschaften.

Ulrich Hocker